Spaß im Mund

 In Experiment Ernährung, Menschen
leaf food team

Das Leaf-Food Team

Wenn man sich mit einer Sache intensiver beschäftigt, ist es immer auch eine Möglichkeit, zu schauen, wie andere etwas machen. Da im Augenblick vegane Ernährung mein persönliches Thema ist (mehr in diesem Blogbeitrag), war ich besonders offen für Begegnungen mit Menschen, die schon länger vegan leben. Einer ist mir begegnet, der mich wirklich fasziniert hat, den gutes Essen genauso begeistert wie mich, und der dazu auch noch weiß, wie man es zubereitet: Roman Kress, Inhaber von Leaf Food.

Roman hat sich die Zeit genommen, ein wenig über Motivation und gutes Essen mit mir zu plaudern und ich möchte meine Erkenntnisse daraus hier ebenfalls gleich notieren. Ich habe das Interview ein wenig gekürzt, weil wir zwischendrin doch etwas tiefer eingestiegen sind. Rezepte hat er nicht verraten, es bleibt also nur, in die Stadt zu gehen und selbst das Leaf-Food-Essen zu genießen.

Was war deine Uridee, vegan zu werden?

Ich habe jahrelang als Koch gearbeitet. (…) Ich habe alles gegessen, also alles an herkömmlichen Lebensmitteln und auch teilweise exotische Lebensmittel. Wenn ich in anderen Ländern war, habe ich eigentlich nie etwas ausgelassen. Ich habe alles probiert. (…)

Vegan, könnte man ja mal probieren. (…) Schaute dann auch viele Videos von Peta an und die Videos rüttelten wach, das heißt, die sind sehr extrem. (…) und wenn man sich das ein oder andere anschaut, hat man eigentlich ziemlich schnell gegessen und hat keine Lust mehr und denkt, man könnte ja daran etwas ändern.

Romans Wunsch nach Veränderung ist also sehr pro-aktiv. Selbst die Verantwortung in die Hand nehmen, damit es Tieren besser geht.

Wie macht man das denn als Koch? Du warst ja Küchenchef, da muss man doch alles auch abschmecken.

Als Koch ist es eigentlich unmöglich, sich vegan zu ernähren. Weil du ja alles probieren musst, was du rausgibst. (…) Und deshalb habe ich mich entschlossen, meine Stelle als Küchenchef zu kündigen (…) und bereite mich auf die Selbstständigkeit vor. Den Schritt muss man früher oder später machen.

Das nenne ich konsequent und Roman hat meine volle Bewunderung. Wie groß muss ein Ziel sein, um zu sagen, man kündigt seinen Job und verändert sein Leben damit grundlegend?

Was erreichst du mit der veganen Ernährung für dich? Welche Werte sind dir wichtig?

Das sind sowohl Tierliebe als auch ethische Gründe als auch ernährungsphysiologische Gründe. Weil ich selbst gemerkt habe nach ein, zwei Wochen (…) fühlt man sich schon komplett anders. Man fühlt sich auch fitter und nicht so träge. Man ist nach dem Essen auch nicht so müde und so platt.

Der Wert “Tierliebe” ist also nicht der einzige Grund. Dazu kommt, was ich einmal mit “Körperliebe” und “Wohlbefinden” tituliere, denn Roman geht es bei der veganen Ernährung sehr wohl auch darum, dass er sich selbst mit dem Essen gut fühlt.

Es sei denn es ist der Tofu-Klotz, der einem im Bauch hängt.

Das ist ja auch nicht ausgewogen. (…) Wenn mich jemand fragt, was die richtige Ernährungsform ist, dann sage ich weder vegan, noch vegetarisch, noch omnivore, sondern immer eine ausgewogene Ernährung. In welche Richtung die jetzt geht, spielt überhaupt keine Rolle. (…) Wenn ich jetzt nur Gemüse esse und sonst nichts, ist sie ja auch nicht ausgewogen.

Das sind für mich zwei wichtige Hinweise: Zum einen darauf zu achten, wie ich mich mit welchem Essen fühle und zum anderen dass eine Ausgewogenheit kein Anspruch einer veganen Ernährung ist.

Wie geht das, ausgewogen essen?

Wenn man sich ausgewogen ernähren will, muss man ziemlich viel selbst kochen, weil bei dem, was es an fertigen veganen Lebensmitteln gibt, sehr viel Müll dabei ist, sehr viele stark verarbeiteten Produkte. Darum kann ich auch die verstehen, die sagen, vegane Ernährung ist ungesund, wenn man sich von Fertigprodukten ernährt. Das ist aber in der konventionellen Ernährung nicht viel anders.

Da bleibt nur eins: Selbst ist der Mann – oder die Frau. Ran an die Töpfe!

Hattest du mal eine Phase von der du gesagt hast: Was tue ich mir hier an? Und was hilft dir dann?

So im ersten halben Jahr oder Jahr hatte ich immer wieder mal so einen Gedanken: “Ok, jetzt ein Stück Käse oder jetzt mal ein Rib Eye Steak”, oder so. Wenn man mit Freunden grillt und riecht das und weiß, wie es schmeckt. Aber in der Regel reicht mir das schon. Das geht einfach vorbei. Irgendwann ist man drüber hinweg. (…) Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Man gewöhnt sich an alles. Man gewöhnt sich an eine schlechte Ernährung. Genauso gewöhnt man sich an eine vegane Ernährung.

Ob meine hundert Tage reichen, damit ich mich so daran gewöhne? Tatsächlich, ich vermisse schon jetzt kaum etwas auf meinem Teller…
Roman sagt hier noch zwei wichtige Dinge (die man aus Coaching-Brille den Glaubenssätzen zuordnen darf): “Der Mensch ist ein Gewohnheitstier” sowie “Gewohnheiten lassen sich ändern”. Eine Akzeptanz dieser Sätze hilft bei der Ernährungsumstellung sehr gut.

Was ist für deine Kunden hier im Restaurant am wichtigsten?

Am wichtigsten ist ein gutes Produkt, das gut schmeckt und ihnen gut tut. Ob das vegan oder vegetarisch ist steht, denke ich, steht etwas weiter hinten. (…) Wenn du bei mir zu Mittag isst, hast du immer eine Ausgewogenheit zwischen Kohlenhydraten, Proteinen und natürlich einem hohen Gemüseanteil. Dadurch fühlst du dich nicht so schwer und trotzdem gesättigt. Kannst danach trotzdem noch was arbeiten, weil dein Körper von der Verdauung her nicht so stark arbeiten muss.

Da ist es wieder: Hineinfühlen, wie Essen im eigenen Körper wirkt. Was tut gut? Was weniger? Beim Essen ist also nicht nur der Geschmack wichtig, sondern auch das Befinden hinterher. Ein interessanter Aspekt, den viele Menschen sicherlich nicht mit der Tätigkeit des Essens verknüpfen.

Für einen veganen Anfänger, wie ich einer bin, was ist dein Tipp?

Kochen mehr oder weniger komplett neu entdecken, d.h. nicht nur den Fleischanteil weglassen, sondern eher am vegetarischen orientieren und da das Tierische weglassen.

Das ist tatsächlich auch meine Erfahrung: Einfach die Begrenzungen im Kopf ausschalten, die durch typisch deutsches Essen (Fleisch, Gemüse, Sättigungsbeilage) gesetzt sind. Wir sprachen noch über asiatisches und v.a. indisches Essen, wo es auch sehr viele einfache Gerichte gibt und somit auch schnell Erfolgserlebnisse da sind. Und dann wären da noch:

Gewürze: Meine Gerichte sind in der Regel so abgestimmt, dass sie viel Gewürze haben. Gewürze nicht im Sinne von Salz, sondern in Form von vielen verschiedenen Gewürzen, die den Gaumen auch anregen und die auch ein bisschen Spaß machen im Mund.

Nur Salz und Pfeffer als Gewürz wäre auch für mich ziemlich eintönig. Roman hat mir noch berichtet, dass er selbst Gewürze aus Indien importiert, diese zum Teil selbst röstet und eigene Gewürzmischungen herstellt.

Welchen Wert hat für dich Essen an sich?

Einen hohen Wert. (…) Da kommt mein Vergleich mit einem Motor im Auto: Wenn du schlechten Treibstoff einfüllst in einen sehr hochwertigen Motor, dann geht er früher oder später kaputt. (…) So ist der menschliche Körper: Du kannst oben sehr, sehr viel Müll reinkippen, es dauert sehr, sehr lange, bis dann was passiert, aber irgendwann sagt der Körper: “Jetzt ist Schluss.” (…) Körper hast du halt nur einen. Wenn du den ruinierst, dann war’s das.

Uns war natürlich klar, dass der menschliche Körper viel komplexer ist als ein Motor, doch die Botschaft ist klar: Du bist, was du isst.

Vielen Dank für dieses tolle Interview!

Und allen Lesern guten Appetit. 

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