Resilienz – Steuern oder gesteuert werden

 In Allgemein, Resilienz

Die einzige entscheidende Frage für den heutigen Blogbeitrag ist: Wer trägt die Verantwortung für Sie? So einfach die Antwort ist, so schwierig ist sie bisweilen in der Umsetzung:

Sie selbst tragen für sich die Verantwortung.

Damit sind wir nicht nur im Thema Resilienz an einer besonders zentralen Stelle angekommen. Dieses Thema ist in sehr vielen Situationen, bei denen ich Menschen mit meiner Arbeit unterstütze, von Belang; nämlich gerade dann, wenn die Möglichkeit, etwas anderes oder anders zu machen, nicht erreichbar erscheint.

Mit zwei vermeintlich “kleinen” Änderungen können Sie bereits gute Wirkung erzielen, und ich lade Sie zum Üben ein:

Ich muss – muss ich?

Wenn wir genauer unter die Lupe nehmen, wie wir sprechen, entdecken wir oft auch formulierte Zwänge, hinter denen eigentlich bewusste Entscheidungen stehen. Doch dadurch, dass wir sie als Zwang formulieren, fühlen sich diese auch so an. Und je mehr Zwänge ich dadurch erlebe, desto mehr empfinde ich auch, dass ich nur noch reagiere statt zu agieren. Diese Sätze beginnen mit: “Ich muss”.

  • Ich muss noch einkaufen gehen.

    • Sind Sie sich sicher, dass Sie das müssen? Wäre es auch möglich, dass Sie stattdessen auf ein Frühstück oder Abendessen verzichten? Theoretisch vielleicht schon, doch praktisch wollen Sie genau das nicht.
    • Also: Ich entscheide, einkaufen zu gehen, weil ich morgen früh etwas frühstücken möchte und nichts mehr zuhause habe.
  • Ich muss am Samstag zu Tante Claras Geburtstagsfeier.
    • Sind Sie sich sicher, dass Sie das müssen? Oder wollen Sie Ihre Tante nicht besuchen, weil Sie die Krankheitsgeschichten der halben Verwandtschaft einfach nicht hören möchten?
    • Also: Ich entscheide mich, meine Tante am Geburtstag anzurufen und an einem anderen Tag zu besuchen.

Viele Dinge, die wir unter dem Aspekt “ich muss” machen, müssen wir eigentlich gar nicht. Die Frage ist, ob wir bereit sind, die Alternativen zu gehen. Oder ist uns der Preis dafür zu hoch? Denken wir kurz an Tante Clara: Sie wollen nicht hin, weil Sie die Gesprächsthemen bei der Feier aufregen. Doch der Preis dafür ist, dass Sie hinterher von vielen gesagt bekommen, Sie wären ja nicht da gewesen.

Seien Sie also ehrlich zu sich selbst und entscheiden Sie bewusst dafür, dagegen oder für eine eventuell auch mögliche Zwischenstufe. Beginnen Sie einen Satz statt mit: “ich muss” besser mit: “ich entscheide mich”. Auf diese Art und Weise erlernen Sie das Gefühl, dass Sie selbst es sind, der (oder die) entscheidet und damit die Zügel in der Hand hält.

Wer ärgert mich, wenn ich mich ärgere?

Auch in der zweiten Übung gibt uns die Sprache wichtige Hinweise auf einen Lösungsweg. Doch zuerst ein Beispiel: Ich ärgere mich über Kollegen Müller, weil er mir nicht die Unterlagen gegeben hat, um die ich ihn gebeten habe.

Wer ärgert mich denn nun? Kollege Müller? Mitnichten. Wir sagen es ja selbst: Ich ärgere mich.

Und deshalb stellen wir uns stattdessen besser diese Fragen:

  1. Wie mache ich es, damit ich mich ärgere? Was tue oder denke ich, dass mich diese Situation so aufregt?
    Hier könnte es zum Beispiel sein, dass ich in sehr großer Hektik selbst Unterlagen erstellen muss oder ich ein unangenehmes Gespräch mit einem Kunden habe, für den die Unterlagen gedacht waren.
  2. Warum ärgert mich das?
    Das Vertrauen in Kollegen Müller ist verletzt.
  3. Was kann ich tun, damit mir das nicht mehr passiert?
    Ich könnte regelmäßig nachfragen.
    Ich könnte Kollegen Müller die Wichtigkeit seiner Unterstützung erklären.
    Ich könnte den Kunden um Geduld bitten.

Sie können die drei Schritte immer wieder anwenden: Mit Schritt 1 erkennen Sie, was konkret es ist, dass Ihnen das Gefühl des Ärgers bereitet. Schritt 2 erläutert das Warum; dahinter steckt oft ein Wert, der verletzt wurde. Schritt 3 gibt Ihnen schließlich Optionen, um daraus zu lernen, also Feedback für Sie selbst statt einer Fehlerzuschreibung, mit der Sie sich am Ende auch noch schlecht fühlen.

Resilienzhaus5Denken wir noch einmal an Tim aus dem ersten Blogbeitrag zum Thema Resilienz. Da der große Auftrag für viel Hektik in der Firma sorgt, ärgert sich Tim zum Beispiel über die Kollegen, die ihm die Arbeit einfach nur auf den Tisch legen und dadurch zusätzlich für Stress sorgen. Seine Gedanken dazu sind, dass er gerne kurz besprochen hätte, was konkret zu tun sei, damit er beim ersten Mal bereits korrekt arbeitet. Es ärgert ihn, weil er das Gefühl hat, er sei nicht wichtig für die Abteilung und den anderen wäre es egal. Deshalb entwickelt er sich Handlungsalternativen: Er spricht seine Kollegen kurz an und fragt um Hilfe. Er erklärt ihnen, dass er gleich korrekt arbeiten möchte und deshalb weitere Informationen braucht. Er fragt den Projektleiter, ob er von ihm auch mit Informationen versorgt werden kann, um ein Gespür zu haben, wann etwas in seiner Arbeit falsch laufen könnte.

Es ist erstaunlich, was alles möglich wird, wenn man nicht nach einem Schuldigen sucht (auch nicht bei sich selbst), sondern nach dem Möglichkeiten, etwas anders zu machen. Ärger ist dafür ein wertvoller Indikator und kann so die Initiative für Verbesserungen starten. Die Verantwortung dafür trägt jeder selbst.

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